Fasching

Guten Abend meine sehr verehrten Damen und Herren. Ich darf Sie mit einem herzlichen „Welcome back!“ begrüßen. Schön dass Sie den Weg zum guten alten Blog noch gefunden haben.

Ich befinde mich jetzt im Zug von Passau nach München ohne dem Ziel ein Stück näher zu kommen da wir noch immer im Passauer Bahnhof feststecken. Mit der schweren Tasche musste ich meinen persönlichen Kreuzgang antreten, habe mich bis fast in die Bewusstlosigkeit gehetzt und dann so was…

Heute ist Fasching. Genau, Fa-sching. Dieser absolut überflüssige Tag, den jedes Jahr hat weil der Februar uns nie den Gefallen tut schon früher zu enden. Alle laufen verkleidet rum und denken anonym zu sein. Es wird gesoffen bis zum Umfallen, aber nicht dass hierunter ein gemütliches Augustinerründchen bei Fritz und Patrick gemeint ist: Nein! Die stehen da ernsthaft in billigen Polyesterkostümen vom nächsten Drogeriemarkt in der klirrenden Kälte, halten Bier oder härteres in den Händen und hüpfen auf der Stelle während schlecht gebaute Karnevalswagen vorbeizuckeln. Wer denkt dem Trubel entfliehen zu können scheitert schon wenn er den Fernseher anmacht. 3 von 5 Kanälen die sonst hervorragende BBC Dokus zeigen senden heute live aus Köln oder einer anderen überflüssigen Karnevalsmetropole. Die Bilder sind erstaunlich. Nämlich erstaunlich langweilig. Da stehen 5000 Clowns, 2000 Piraten und unzählige Krankenschwestern die A) sonst zu hässlich sind um was soo knappes zu tragen, oder B) denken, dass niemand diese exquisite Verkleidung wählen würde oder C) wirklich Krankenschwestern sind und mal wieder das Köstumkaufen verpeilt haben. Einheitlich wie eine Faschingsarmee steht der Pulk an der Strecke durch die sich Traktoren mit selbst gezimmerten Aufbauten schleppen. Aus tausenden Kehlen, jung oder alt, ertönt das Helau in einer Lautstärke die nur noch von den Zuschauern der Tour de France unterboten werden kann.

Früher schien mir Fasching nicht ganz so überflüssig. Jedes Jahr wurde die gute alte Bonbonfangtüte aus dem Schrank hervorgeholt. Je älter und größer man wurde, desto besser war sie am Ende des Tages gefüllt. Die Kinder standen immer ganz vorne in den Reihen der Feierwütigen. Knapp den Rädern der Bauerntraktoren entfliehend brüllte ich dann den Fahrern und Insassen der Karren das Helau ins Gesicht. Helau sollte, so vermute ich, ein fröhlicher Faschingsgruß sein. Für mich war er ein Befehl, zu richten an die Bonbonwerfenden Mitglieder auf dem Wagen, der sie zur sofortigen Süßigkeitenspende aufforderte. HELAU, HELAU („Wirf schon Penner…“) HELAAAAU! Zack, es hagelt Bonbons, die kleinen flinken Kinder wuseln auf allen Vieren unter den Beinen ihrer Eltern durch und sammeln alles auf dem Boden auf wie Säue die Perlen. Ich habe mal wieder zu spät reagiert und konnte mit dem umgekehrten Regenschirm nicht punkten. Eine Rose liegt drin… Wunderbar. Die Dinger fallen zwar schön langsam, so dass ich sie fast immer erwischen kann aber essen kann man das Zeug nicht! Useless…

Der Zug der Feiernden zieht vorbei. Ich versuche mir alle Kostüme anzusehen doch angesichts der herrschenden Kleidungseinheit im Konvoi ist mir nach zwei Teilnehmern bereits langweilig. Es sind mal wieder die Hexen die den kleinen Kindern Angst machen sollen… Was denken sich diese Menschen eigentlich? Ein kleines Kind überlebt die Hexen nur durch extremen Bonbonkonsum verbunden mit einem ordentlichen Zuckerflash.

Doch genug von den Hexen. Die sind ja nur ein Teil der sog. Karnevalsgesellschaften. Das sind ernsthaft Leute, die in einem Verein sind, der nur auf Fasching hinfiebert. Wer macht denn so was? Denken die sich 12 Monate lang das Design für ihren Wagen aus? Dafür sind die Ergebnisse aber mehr als mangelhaft… Oder sind das Arbeitslose die mal richtig die Sau rauslassen wollen? Das würde wenigstens erklären warum die Themen jedes Wagens politische sind. Aber ich weiß es einfach nicht. Gleiches gilt für die Musiker die zitternd im Gleichschritt durch den Schlamm und die Pferdescheiße hinter den Traktoren stampfen. Wer hat denn Spaß daran alleine in einem Zimmer zu sitzen und Karnevalssauflieder zu üben? Sehen die das am Ende noch als Weg sich selbst zu verwirklichen? Mit Saufliedern in platten deutschen Paarreimen? Zwingt man die Schüler der Musikschulen diese „Ehre“ auf sich zu nehmen? Vielleicht ist es auch einfach nur der bestbezahlte Job der Welt, denn drei Stunden lang die an die Lippen gefrorene Trompete durch die Kälte zu tragen erfordert das Durchhaltevermögen eines Eisfischers.

Fasching ist und bleibt ein Traditionsfest dass ich nie verstehen werde. Das Oktoberfest ist für mich zum Beispiel die natürlichste und logischste Sache der Welt. Aus Bierkonsum folgt ein Bierfest. Warum soll man um den Winter auszutreiben also als Pirat oder Krankenschwester rumlaufen? Wie der Herr Winter zeigt, vertreibt ihn die moderne Kostümkultur kein bisschen. Er wütet hier noch bis Ende April… Also entweder die Feierwütigen legen sich endlich mal wieder die krassen alten Holzmasken an und tanzen wie Rumpelstilzchen auf Koks damit er sieht wie die Menschen abstürzen können wenn sie wollen oder alle steigen jedes Jahr Ende Februar ins Auto und fahren nach Süden! Wenn ihr alle Elektrogeräte und die Heizung voll aufgedreht lasst sollte das zusammen mit den Abgasen der Reisebranche ausreichen um dem Bastard Winter für die Zukunft ordentlich einzuheizen. Ist doch egal wenn Holland untergeht^^.

In diesem Sinne: HELAAAAU

(Bonbonlieferungen bitte mit admin@kingsizedeluxe.de koordinieren, mein Briefkasten schluckt nur 300 auf einmal).