Deftones – The Chauffeur

Gregor fuhr auf der Autobahn. Die Dunkelheit hatte das Fahrzeug fest im Griff und schien erst kurz vor der Stoßstange aufzureißen. Die gelben, mückenverklebten Scheinwerfer des Wagens versuchten vergeblich ihr Licht auf den nassen Asphalt zu werfen während das Spritzwasser langsam von der Karosserie tropfte und unter den vibrierenden Achsen verschwand. Im Rückspiegel war das helle verwischte Flimmern der nachfolgenden Autos in der Ferne zu erkennen und aus den kleinen silbrigen Lautsprechern, die neben den Sicherheitsgurten angebracht waren, erklang leise Musik, die vom tiefen Summen des Motors unerlegt wurde. Gregor fuhr schon seit Stunden so, den Blick starr nach vorn gerichtet. Die Lichter der vorausfahrenden Fahrzeuge waren düstere rote Flecken, die sich im ständigen Spurwechsel durch das Sichtfeld des Fahrers schoben. Gregor fuhr sich durch die Haare. Wenn alles nur noch Routine und nichts mehr aufregend ist, fühlt sich das eigene Leben an wie die Bleimatte, die man beim Röntgen umgelegt bekommt, dachte er sich. Kalt, steril und einfach ekelhaft. Das Blinken der Tankanzeige drängte sich in sein Bewusstsein. Nächste Tankstelle in 3km spottete das blaue Blechschild. Er würde sie anfahren müssen…

Knirschend kam der Wagen auf dem Parkplatz zum Stehen. Gregor zog die Handbremse langsam an und wartete auf das Einrasten, erst dann öffnete er die Fahrertür und stieg aus. Die Tankstelle war alt. Das konnte man schon aus der Ferne sehen, doch sie musste sich über die Jahre gehalten haben, denn die Toilettenhäuschen waren frisch renoviert und sämtliche Leuchtreklame funktionierte einwandfrei. Vor der Schiebetür rauchte eine junge Frau. Ihre Augen sahen müde aus und die Haare standen etwas zerzaust ab, doch als sie Gregor bemerkte lächelte sie ihn an. Er sah, wie sie ein kleines Pappschild hinter ihrem Rücken versteckte und fragte freundlich: „Anhalterin? Ist doch nicht schimm, wo möchtest du hin?“. Augenblicklich wich die Müdigkeit aus ihrem Gesicht, „In den Norden. Einfach nur nach Norden.“ Um seine Neugier zu überspielen fragte er schnell: „Ist Bonn nördlich genug?“. Sie zog langsam an ihrer Zigarette. „Reicht für heute…“.

Die Rechnung der Tankstelle lag zerknüllt in der Ablage auf der Beifahrerseite. Daneben hatte Ivy ihre kleinen schlanken Füße ausgestreckt. Ivy, so hatte sie sich vorgestellt. Ivy Hedera aus dem Süden. Er warf einen flüchtigen Blick auf sie. Klein und zierlich hatte sie sich in den Sitz geschmiegt und schaute durch das kleine Dachfenster in die Dunkelheit. Ab und zu streifte ein vorbeihuschendes Licht ihr Gesicht, gefolgt von den typischen graden und kantigen Schatten, die Autobahnbrücken nachts werfen. Wenige Minuten später schlief sie fest.

In der Morgendämmerung durchschnitt der Wagen die kühle Luft und bahnte sich einen Weg über die Landstraße. Der Motor war warm und lief leise und beständig. Ivy schlief noch immer. Gregor kannte sie nicht und fühlte sich doch an sie gebunden. Obwohl er nicht wusste warum, so war ihm doch klar, dass er sie nach Norden bringen würde. Bonn hatten sie schon in den frühen Morgen-stunden hinter sich gelassen. Verstohlen blickte er auf die Schlafende. Sie schlief mit einem zufriedenen Ausdruck im Gesicht. Ob sie wohl spüren konnte, dass sie bei ihm sicher war? Er würde sie nach Norden bringen. Er musste sie nach Norden bringen, auch wenn das hieß, dass er irgendwann gen Süden fahren würde.

Der Motor schnurrte leise als der Fahrer endlich von der Müdigkeit fortgerissen wurde. Sanfte Töne und schöne Bilder überschwemmten sein Bewusstsein. Langsam zog das linke Vorderrad über die schlecht gespurte Mittelmarkierung der Straße und als der Wagen den Grünstreifen passiert hatte und gegen einen einsamen Baum knallte kreischte nur das Blech…